Civetta, NW- Wand, „Philipp- Flamm“ (800m, VI/A0)

//Civetta, NW- Wand, „Philipp- Flamm“ (800m, VI/A0)

Im Schlund des Riesen

Bergell mit geilem, fester Granit oder Civetta mit gruselig, brüchigem Kalk? Klaus hat gewonnen. Und so wurde es gruselig und brüchig, aber auch: leider geil! Doch zuerst wollte – in wunderbarem Vollmondschein – der 2 ½ stündige, nächtliche Zustieg vom Auto über die Coldai- Hütte zum Einstieg bewältigt werden. Genau bei Morgengrauen, um 6:00 Uhr ging‘s schließlich los und wir rückten dem Riesen zu Leibe. Im unteren Teil kammen wir wirklich schnell voran, machten Meter um Meter und hatten auch keine Probleme mit der Wegfindung. In der ersten gelben Verschneidung angekommen, wurde die Gangart allerdings etwas schärfer und es folgte der eindrückliche Linksschwenker über das Schuppendach. Von nun an ließ die Philipp- Flamm nicht mehr locker und zu den anhaltenden Schwierigkeiten kam auch noch die nachlassende Felsqualität und die ein oder andere „Wegfindungsschikane“ hinzu. Wie zur Hölle kommt man nur auf die Idee, hier hinauf zu klettern? Und wie „in der Hölle“ fühlt man sich schließlich in den Kaminlängen, gelangt man hier doch tatsächlich tief in den Rachen der Civetta- Nordwest. Aber nicht genug mit Bruch, wartete noch eine nass- lehmige und demzufolge auch recht glitschige Seillänge auf uns. Bis dahin lagen Klaus und ich recht gut im Rennen, die 10 Stunden bis zum Ausstieg im Visier. Aber das „Grande Finale“ kam zum Schluss: unglaublich brüchige, überhängende Seillängen, die sogar Klaus – seines Zeichens hart Kalkkögl- erprobt ein: „…naja, des is‘ jetzt scho a bissl brüchig…“ entlockten. Ein ausgebrochener Tritt und Blöcke, die schon beim Hinschauen das Weite suchten, gehörten in diesen Längen dazu. Sei‘s drum – wir hatten Glück und es ist alles gut gegangen und so standen wir überglücklich nach 13 Stunden Kletterzeit bei Sonnenschein um 19:00 Uhr auf der Schulter, ca. 150 Meter unter dem Civettagipfel. Den Sonnenuntergang bzw. Vollmondaufgang genossen wir freilich nach kurzem Aufstieg über den Klettersteig vom höchsten Punkt. Unglaublich! Danke Klaus für deinen Vorschlag, deine Nervenstärke und diese wahrhaft große Tour, von der wir beide schon ein Jahrzehnt träumten! Genussreich ist was anderes aber extrem lässig und schön auf eine eigene Art und Weise – vor allem aber unvergesslich – war’s definitiv. Einmal – und zum Glück nie wieder ;-).

Tipps und Infos:

  • Einen tollen und sehr ausführlichen Bericht mit super wertvollen Infos findet ihr bei Klaus‘ Seite!
  • Dass 35 Seillängen erst einmal geklettert werden wollen und deshalb ein recht straffes Zeitmanagment notwendig ist, um ein Biwak zu vermeiden, versteht sich von selbst.
  • Wer sich rein auf die Schwierigkeitsbewertungen des Tops verlasst sei gewarnt: Es handelt sich hier um eine sehr ernste, in den letzten Seillängen auch durchaus gefährliche Dolomitentour der schärferen Gangart.
  • Im unteren Drittel ist der Fels eigentlich ganz ok und man kommt relativ schnell voran. Dann beginnen die ersten Riss- und Kaminlängen mit tollen und eindrücklichen Kletterstellen – der Fels ist hier auch noch ganz ok, teilweise sogar sehr gut.
  • Nach oben hin wird der Fels allerdings immer brüchiger, die Tour härter, steiler und hin und wieder auch „lehmig- schleimig“ und nass. Der VI. Dolomitengrad sollte in diesem Bruchhaufen sicher geklettert werden, sonst könnte es sehr schmerzhaft werden.
  • Verhauer können in diesem Wandteil auch recht unangenehm werden, zumal man schwer halbwegs festen Fels findet, an dem man wieder abseilen möchte.
  • Wenn bereits eine Seilschaft in der Tour ist, würde ich von einem Einstieg dringend abraten. In den oberen Kaminreihen ist Steinschlag (auch in größeren Dimensionen) auch bei vorsichtigster Kletterei nur schwer zu vermeiden.
  • Alles Stände sind mehr oder weniger gut eingerichtet und lassen sich auch meist recht gut verbessern. An neuralgischen Stellen stecken Haken – übersichert ist die Tour aber wahrlich nicht. Ein kompletter Satz Cams von #0,3 – 3, Keile sowie Hammer und Haken sollten dabei sein. Biwakzeug.
  • Im Großen und Ganzen ist die Wegfindung – vorallem bis zur Hälfte sehr klar und logisch. Dann kommt ein sehr unheimlicher Schwenker nach rechts (IV) zur großen Höhle an der man dann über eine leicht überhängende Rampe vorbeiklettert (VI). Im oberen Drittel haben wir überlegt, ob es tatsächlich möglich sein kann, dass jemand so Wahnsinnig ist, in so einen Bruchhaufen hineinzuklettern – es ist möglich und einige Haken weisen den weg!
  • Die meisten überhängenden Kamine schauen schauderhafter aus als sie sind: Es handelt sich um sehr eindrückliche Kletterstellen: Zuerst tief hinein in den Rachen der Civetta, dann umdrehen und wieder herausspazieren.
  • In der letzten Seillänge ziemlich links hinausqueren, sonst ist man zu hoch und man erreicht die Schulter nicht.
  • Für den Abstieg empfehlen wir wärmstens den Alleghesi- Klettersteig. Zuerst auf den Gipfel und dann den Normalweg hinunter (unsere Wahl) ist 1.) sehr, sehr weit (insgesamt ca. 1700HM im Abstieg und nochmals 400HM im Aufstieg und 2.) totaler Schwachsinn, da man sich ohnedies auch meist auf einem Klettersteig befindet nur halt „mit der Kirche ums Dorf“ latscht.
  • Ein recht gutes Topo (bis auf die Ausstiegslängen – hier der Riesnverschneidung eher rechts folgen) gibts hier.

2018-10-27T11:40:30+00:00 August 29th, 2015|Felsklettern|

Gerhard Mössmer

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